Von der Prozessdigitalisierung zum Service 4.0

Die digitale Transformation stellt die Wirtschaft vor enorme Herausforderungen. Neue Marktakteure verändern traditionelle Wertschöpfungsketten und sorgen gerade in den technischen Branchen für disruptive Veränderungen. Hierbei werden die Systeme aus Hersteller (Industrie), Handel, Handwerk und deren Kunden neu aufgestellt. Neben dem Nachwuchs- und Fachkräftemangel sieht mehr als die Hälfte der KMUs die Digitalisierung als größte Herausforderung ihrer Zeit. Über 20 % der Unternehmen sehen ihre Existenz durch digitale Innovationen bedroht.
Die konsistente Digitalisierung der Unternehmensprozesse ist das grundlegende Element dafür, sich einer zukunftsgerichteten Transformation des eigenen Unternehmens zu stellen. Ohne eine umfassende Prozessdigitalisierung wird der Weg zu sensorbasierten Geschäftsmodellen, vernetzter Fertigung oder digital automatisierter Kundenkommunikation nicht möglich sein. Über diese Grundlagen hinaus, zeichnet sich in technologienahen Branchen bereits die Integration von intelligenten physischen Produkten in Wertschöpfungsketten ab. Diese werden dabei um theoretisch jedes natürlich entstandene oder künstlich geschaffene Objekt erweitert.

Auf dem Weg ins Internet der Dinge

Deutlich wird, dass gerade im „Mensch – Sensoren – Internet of Things: vernetzte und autonom ablaufende Prozesse“, neue Fragen beantwortet und Bildungsstrukturen vollkommen neu entwickelt werden müssen.
In der digitalisierten Zukunft wird jeder Bereich unseres Lebens, von unserem A wie Auto bis Z wie Zuhause bis hin zum Arbeitsplatz mit Geräten ausgestattet sein, die mit dem Internet verbunden sind und uns das Leben erleichtern. Diese neue Verbindung zwischen der digitalen und der physischen Welt, das Internet der Dinge, wird die Art wie wir leben und arbeiten signifikant verändern. Das ubiquitäre Internet der Dinge wird uns im Privaten aber auch speziell in der Arbeitswelt mit zusätzlichen Informationen und Funktionen zur Seite stehen. Das bedeutet gleichzeitig, dass sich der Abstand der physikalischen zur digitalen Welt verringert.
Geräte können etwa selbständig feststellen ob sie gewartet werden müssen oder wann sie kaputtgehen werden, um dann den Besitzer oder direkt den zuständigen Techniker zu benachrichtigen. Auch die wachsende digitale Kompetenz der Menschen die zunehmend über digitale Kanäle wie etwa Messenger oder auch Chatbots kommunizieren, wird die Art und Weise wie mittelständische Unternehmen und service-orientierte Handwerksbetriebe ihre Produkte und Dienstleistungen verkaufen verändern.

Die Kunden der Zukunft – die Digital Natives – sind daran gewöhnt, Dienstleistungen und Produkte über das Internet, über Messenger oder über ihre digitalen Assistenten (wie etwa Google Assistant, Siri, Bixby) zu beziehen. Wer digital nicht präsent ist und keine Schnittstelle hat, läuft Gefahr auf der Strecke zu bleiben.

Das Themengebiet IoT befindet sich gegenwärtig gerade durch den Einsatz erster „künstlicher Intelligenzen“ in einem rapiden Wandel. Was heute als Innovation gilt, wird morgen essentieller Unternehmensschwerpunkt sein. Unternehmen, die jetzt den Anschluss verlieren oder versäumen neue Technologien zu evaluieren und einzusetzen, laufen Gefahr zukünftig unüberwindbaren Problemen gegenüber zu stehen. Um dieser Gefahr zu entgegnen müssen Unternehmen mit Blick auf das exponentielle Wachstum von Technologien zukunftsorientiert handeln. Dies kann Unternehmen helfen, vorzeitig Chancen und Risiken von IoT Applikationen zu erkennen und zu nutzen. Viele Branchen haben das Potenzial dieser Entwicklung längst erkannt und optimieren z.B. durch die Analyse vom IoT erzeugter Daten ihre Geschäftsprozesse oder statten ihre Produkte mit Sensoren aus und entwickeln auf Basis der erfassten Daten völlig neue Services und Geschäftsmodelle.

Eine der zentralen Eigenschaften von IoT ist das Zusammenbringen der physischen und digitalen Welt. Diese Verknüpfung macht IoT besonders interessant für das Handwerk, bei dem naturgemäß physische Produkte und Dienstleistungen im Fokus der Wertschöpfung stehen. Daher ist die reine Eingrenzung auf Industrie 4.0 veraltet und deutlich zu kurz gegriffen. Die diskutierten Begriffe wie „Industrie 4.0“, „Handwerk 4.0“ oder „Handel 4.0“ lassen vergessen, dass es in allen Branchen und Unternehmensgrößen um den Themenkomplex der sich hinter „Service 4.0“ verbirgt, gehen muss. Alle vereint die Schaffung digitaler, vernetzter Services. Und dies betrifft den Zwei-Mann-Betrieb gleichermaßen wie den Industriebetrieb. Wir sollten diese Chance ergreifen!

Für Unternehmen bedeutet das: Wer sein Handeln heute nicht auf die absehbaren Anforderungen der Zukunft einstellt, wird künftig Schwierigkeiten haben am Markt bestehen zu können. Und dies trifft den gesamten Wirtschaftsstandort Rheinland Pfalz. Ausnahmen? Keine! Doch wer ist dazu ausgebildet diesen komplexen Herausforderungen zu begegnen? Aktuell erleben wir eine enorme Nachfrage nach jungem, digital-affinem Nachwuchs, der sein Wissen und seine Erfahrungen innovationsfördernd einbringen kann. Betrachtet man die Landschaft der beruflichen Bildung, existieren zwar erste vorzeigbare Beispiele in den einzelnen Bundesländern, jedoch sehe ich in Rheinland-Pfalz keinen adäquaten systematischen sowie übergreifenden Ansatz, geschweige denn ein Konzept. Nur die Bildungsstrukturen der Berufsschulen zu betrachten wird kein belastbares Ergebnis zu Tage fördern. Es gilt die Lernortkooperation wieder in den Fokus der Betrachtung zu nehmen, stellen diese doch die nötige Antwort auf die Herausforderungen der digitalen Transformation dar. Das von uns unterstütze Projekt „Tischler 4.0“, entstanden aus einem übergreifenden Bildungsformat von Berufsschule, überbetrieblicher Bildungsstätte und den Unternehmen, kann an dieser Stelle als geeignete Vorlage zum Entwurf weiterer Bildungskonzepte genannt werden. Informationen hierzu finden man unter folgendem Link: https://www.foraus.de/html/foraus_7006.php

Ja, auch hier ist die Grundlage eine adäquate technische Ausstattung, die nötige Infrastruktur und ein exzellent vorbereitetes und engagiertes Personal.

Folgende Punkte sollten in der Diskussion und Umsetzung von digitalen Lernzentren beachtet werden:

  • Erweiterung der Betrachtung auf eine ganzheitliche Wirtschaft, gerade KMU und Handwerk sollten in den Fokus gerückt werden und mit gleichwertigen Lernzentren bedacht werden. Hierbei gilt es den eingegrenzten Fokus „Industrie 4.0“ auf ganzheitliche digitale Innovationen und sich verändernde Wertschöpfungsketten zu lenken. IoT endet nicht am Werkstor der Industriehallen.
  • Die Förderung von technischer Ausstattung ist Grundvoraussetzung. Viel wichtiger ist jedoch die gezielte Weiterentwicklung des Lehrpersonals, die niemals allein von der persönlichen Motivation der lehrenden Person abhängig sein darf. Hierbei gilt es vor allem für den geeigneten digitalen Nachwuchs zu sorgen und den jetzigen Lehrkräften geeignete Mentoren zur Weiterentwicklung zur Seite zu stellen. Es braucht den nötigen Freiraum in dem sich unsere Lehrkräfte weiterbilden können und dies erfordert einen enormen finanziellen Einsatz aller Beteiligten.
  • Neben den genannten Punkten ist die Weiterentwicklung geeigneter Formate ein enorm wichtiger Faktor. Betrachtet man die zukünftig gefragten Kompetenzen wie Navigationskompetenz, die Kompetenz komplexe Prozesse zu gestalten und anzuwenden sowie die Fähigkeit in interdisziplinären Teams neue Wege zu gehen und kreative Lösungen zu finden, mit den Inhalten bisher angewendeter Formate, wird dies nur schwer erreicht werden können. In die Konzeption muss daher die Entwicklung und Umsetzung neuer agiler Lernformate wie BarCamps, Hackathons, Rotation Days etc. integriert werden.
  • Letztendlich muss in der Umsetzung auch die Veränderung der Bildung selbst stärker mit eingebunden werden. Bereits erprobte virtuell unterstütze Lernorte wie das VR-Schweißlabor der Handwerkskammer Koblenz zeigen bereits, wie durch professionelle VR-AR Anwendungen ein Zusammenwachsen der unterschiedlichen Lernorte der beruflichen Bildung möglich wird. Auch in diesem Feld könnte Rheinland-Pfalz mit seinen Wissenschaftsstandorten, der Games-Branche und der digitalen Kommunikation einen Spitzenplatz in der digitalen Bildung einnehmen.