Eine Gruppe von Macherinnen und Machern aus Architekturbüros, Handwerksbetrieben und Start-ups trifft sich normalerweise nicht auf derselben Bühne. Der Architekt denkt in Fassaden, die Handwerkerin in Zeitplänen, die Robotik-Gründerin in Prototypen. Auf Messeprogrammen landen sie trotzdem oft im selben Panel, weil sich Trends gut nebeneinander abfotografieren lassen. Meistens kommt dabei wenig heraus außer einem Gruppenfoto und drei ausgetauschten Visitenkarten.
Genau diese Erwartung will ich bei der neuen Formation der Messe München korrigieren. Sie nennt sich BAU Insider: neun Persönlichkeiten, die sich bis zur BAU 2027 vom 11. bis 15. Januar in München öffentlich zu Wort melden, mit fachlichem Input, mit Analysen, mit Haltung. Ich bin einer von ihnen, das schreibe ich vorweg, und das macht mich nicht neutral. Trotzdem lohnt sich ein genauer Blick, wer da eigentlich spricht und worüber, denn die Auswahl ist ungewöhnlich gut.









BAU Insider
Julian Waning: Der Übersetzer zwischen Architektur und Konzern
Julian Waning ist Architekt, arbeitet aber nicht am Zeichenbrett, sondern bei Gira als Architecture Media Manager. Seine Aufgabe: verstehen, was Architektinnen und Innenarchitekten wirklich brauchen, und das zurück in ein Unternehmen übersetzen, das Steckdosen und Gebäudetechnik baut. Diese Übersetzerrolle klingt unspektakulär, ist aber selten gut besetzt. Die meisten Baustoffhersteller reden über ihre Zielgruppe, Waning redet mit ihr, weil er selbst aus ihr kommt. Sein zweites Standbein ist die Digitalisierung im Bau- und Gebäudekontext, ein Feld, auf dem viele Konzerne noch mit Pilotprojekten experimentieren, während die Praxis längst weiter ist.
Gerda Söhngen: Verantwortung als Geschäftsmodell
Gerda Söhngen führt KEIL Befestigungstechnik, ein mittelständisches Familienunternehmen aus der Fassadenbranche. Ihre Fragestellung ist größer als ihr eigener Betrieb: Welche Verantwortung trägt der Mittelstand für die Zukunft des Landes? Das ist keine rhetorische Übung. Wer jahrzehntelang Fassadentechnik liefert, merkt an den eigenen Auftragsbüchern, ob Klimawandel, Ressourcenknappheit und internationaler Wettbewerb abstrakte Debatten bleiben oder echte Zahlen werden. Söhngen verbindet unternehmerisches Denken mit der Frage, wie aus guten Ideen tatsächlich etwas wird, das Bestand hat. Damit trifft sie einen wunden Punkt der deutschen Innovationsdebatte: Wir haben keinen Mangel an Ideen. Wir haben einen Mangel an Ideen, die den Sprung in den Betriebsalltag schaffen.
Sarah Dungs: Die Zukunft liegt im Bestand, nicht im Neubau
Sarah Dungs führt die Greyfield Group und steht dem Verband für Bauen im Bestand vor. Ihre These, wenn man sie zuspitzt: Die eigentliche Zukunftsaufgabe der Baubranche liegt nicht in neuen Baugebieten, sondern in den Gebäuden, die längst stehen. Mit eigenen Bestandsimmobilien entwickelt sie Strategien für Quartiere, die weiterleben sollen, statt abgerissen zu werden. Parallel arbeitet sie an Standards und Bildungsformaten, die den Bestand als Normalfall etablieren sollen, nicht als Notlösung. Das ist ein stiller, aber wirksamer Gegenentwurf zu jeder Baupolitik, die noch immer vom Neubau als Königsdisziplin ausgeht.
Romina Haller: Handwerk als Haltung
Romina Haller leitet Haller Raumgestaltung und beschreibt ihr Unternehmertum selbst als sinnstiftend und visionär, große Worte, die bei ihr aber an konkreten Räumen hängen. Sie digitalisiert Prozesse in einem Betrieb, der klassisches Raumhandwerk ausübt, und verbindet das mit einem Führungsanspruch, der Klarheit und Begeisterung zusammendenkt. Ihr dritter Schwerpunkt, Empowerment, klingt nach Seminarfolie, meint bei ihr aber etwas Konkretes: Mitarbeitende, die eigene Entscheidungen treffen dürfen, statt nur Anweisungen auszuführen. Genau daran hängt am Ende, ob ein Handwerksbetrieb Nachwuchs findet oder nicht.
Dr. Lena-Marie Pätzmann: Robotik, die Beton entfernt statt Menschen zu ersetzen
Dr. Lena-Marie Pätzmann ist CEO von Sitegeist, einem Start-up, das sich auf Betoninstandsetzung spezialisiert hat. Die Roboter von Sitegeist tragen mit einer Hochdruckwasserlanze maroden Beton ab, eine Arbeit, die bislang Menschen in Handarbeit und in erheblicher Lärm- und Staubbelastung erledigen mussten. Das ist der Robotik-Fall, der in der öffentlichen Debatte viel zu selten vorkommt: keine Maschine, die kreative oder planerische Arbeit übernimmt, sondern eine, die körperlich zermürbende Arbeit von Menschen fernhält. Wer über Robotik am Bau nur in Angstszenarien denkt, sollte sich diesen Fall genauer ansehen.
Cehan San: Klimaschutz, der sich rechnet
Cehan San berät als Craft Coach Handwerksbetriebe und führt gleichzeitig San Haustechnik. Sein Thema ist Gebäudetechnik, konkret Wärmepumpen, effiziente Heizsysteme und smarte Steuerung, alles Dinge, die Klimaschutz von der Theorie in den Heizungskeller holen. Zweites Standbein: Digitalisierung im Handwerksbetrieb, klarere Prozesse, bessere Kommunikation, ein sinnvoller Einsatz von KI. San verknüpft beide Themen bewusst, weil er weiß, dass ein Betrieb nur dann in Klimatechnik investiert, wenn sich die Investition auch betriebswirtschaftlich trägt. Reine Überzeugungsarbeit reicht am Bau selten, es braucht die Zahl auf der Rechnung.
Emanuel Heisenberg: Serielle Sanierung als Antwort auf den Fachkräftemangel
Emanuel Heisenberg ist seit zwanzig Jahren Klimatechnologie-Unternehmer und heute Gründer und CEO von ecoworks. Sein Unternehmen gilt als Pionier der seriellen Sanierung, bei der Gebäude über Vorfertigung und Robotik energetisch ertüchtigt werden, statt jedes Haus einzeln und in wochenlanger Handarbeit zu sanieren. Das klingt nach Effizienzthema, ist aber vor allem eine Antwort auf ein Problem, das die Branche seit Jahren umtreibt: Es fehlen die Hände, um die Sanierungsziele in der bisherigen Bauweise überhaupt zu erreichen. Heisenberg verlagert einen Teil der Arbeit von der Baustelle in die Fabrik, und genau das macht serielle Sanierung zu einem der spannendsten Felder der kommenden Jahre.
Bernd Wolter: Der Baucoach als Übersetzer für die breite Öffentlichkeit
Bernd Wolter ist als Der Baucoach bekannt, Content Creator, Speaker und Moderator mit einem Praxishintergrund aus Bau, Handwerk und Baumaschinentechnik. Seine Stärke: Er nimmt komplexe Fachthemen und macht sie verständlich, ohne sie zu verwässern, und erreicht damit Fachkräfte ebenso wie den Branchennachwuchs. In einer Branche, die seit Jahren über einen schlechten Ruf bei jungen Menschen klagt, ist genau diese Übersetzungsarbeit in den sozialen Medien keine Nebensache, sondern eine der wenigen wirksamen Antworten auf das Nachwuchsproblem.
Und ich selbst
Ich bringe in diese Runde meinen eigenen Schwerpunkt ein: Künstliche Intelligenz, Automatisierung, Robotik und Exoskelette als Hebel, um Arbeit im Bau und im Handwerk zu erleichtern, nicht um sie zu ersetzen. Mich interessiert weniger, welche Technologie theoretisch möglich ist, sondern was aus einer Ankündigung tatsächlich wird, wenn sie auf eine Baustelle trifft, auf Zeitdruck, auf Fachkräftemangel und auf Qualitätsanforderungen, die sich nicht verschieben lassen.
Diese Frage treibt mich schon in meinem Podcast zukunftsmacher.fm um, und sie wird auch mein Beitrag zu den BAU Insidern sein. Nicht die große Zukunftsforschung um ihrer selbst willen, sondern die Übersetzung: Welche Technologie kommt tatsächlich am Bau an, was bedeutet sie für Führung und Wertschöpfung, und wie wird aus einer Idee ein Fahrplan, den ein Betrieb morgen umsetzen kann? Genau an dieser Schnittstelle zwischen Baustelle und Betrieb will ich die kommenden Monate bis zur BAU 2027 mit Inhalten begleiten.
Vier Leitthemen, an denen sich die Branche entscheidet
Die BAU 2027 hat sich vier Leitthemen gegeben, und wer sie liest, merkt schnell, dass hier keine Marketingabteilung Schlagworte gesammelt hat, sondern echte Konflikte benannt wurden.
Material und Ressource fragen, ob wir weiter abreißen und neu bauen oder endlich ernsthaft umbauen. Klimaschutz und Klimaanpassung verlangen, ganze Quartiere resilient zu denken, nicht nur einzelne Gebäude effizienter zu machen. Lebensraum im Wandel widmet sich den Zielkonflikten, die entstehen, wenn immer mehr Ansprüche auf denselben Raum treffen, von Gebäudetyp E bis zum seriellen Bauen. Und Digitalisierung und Produktivität beschreiben den Punkt, an dem KI, BIM und digitale Zwillinge nicht mehr Zukunftsmusik sind, sondern darüber entscheiden, ob ein Betrieb in fünf Jahren noch konkurrenzfähig ist.
Zu allen vier Themen gibt es auf der BAU-Website schon jetzt vertiefende Inhalte, lange bevor die Messehallen im Januar 2027 öffnen. Wer sich jetzt einliest, kommt im Januar nicht als Zuschauer, sondern als jemand, der mitreden kann.
Warum sich das lohnt, schon jetzt hinzuschauen
Neun unterschiedliche Perspektiven, ein Thema, das alle betrifft: Wie bauen wir in einem Land, das gleichzeitig sanieren, verdichten, klimagerecht umbauen und dabei auch noch den Fachkräftemangel lösen muss? Die BAU Insider liefern darauf keine einheitliche Antwort. Das ist auch gut so. Wer eine Branche wirklich verstehen will, sollte ihr nicht bei der Selbstbeweihräucherung zuhören, sondern den Praktikerinnen und Praktikern, die täglich mit den Widersprüchen arbeiten, den Widersprüchen zwischen Klimaschutz und Kostendruck, zwischen Bestand und Neubau, zwischen Fachkräftemangel und dem Anspruch, trotzdem in gleichbleibender Qualität zu bauen.
Ich werde diese Runde in den kommenden Monaten immer wieder aufgreifen, weil sich an genau diesen neun Blickwinkeln ablesen lässt, wie ernst die Branche ihre eigene Zukunft nimmt. Wer selbst tiefer einsteigen will, muss dafür nicht bis Januar warten.
Die BAU 2027, die Weltleitmesse für Architektur, Materialien und Systeme, findet vom 11. bis 15. Januar 2027 in München statt. Alle Informationen zu den BAU Insidern gibt es hier. Zu Messe selbst geht es hier entlang.