Das weiße Blatt schlägt den KI Hype. Prozesse vor Prompts.
Leipzig ist unterschätzt. Nicht als Städtereise Tipp, sondern als Werkbank für digitale Praxis. Hier entstehen digitale Lösungen, die im Regen funktionieren. Auf Baustellen. In Transportern. Zwischen Werkzeugkiste und Kundenanruf.
In der neuen Machercast-Folge treffe ich zwei Macher aus Leipzig, die genau dort anfangen, wo es weh tut. Nicht bei KI. Nicht bei Tools. Sondern bei dem, was jeden Tag Zeit frisst.
Ein Handwerksunternehmer, der öffentliche Spielplätze baut und PV Anlagen installiert, sitzt am Tisch mit einem Bauingenieur, der Programmierung nicht als Selbstzweck versteht, sondern als Hebel. Aus dieser Kombination entsteht eine Haltung, die im Handwerk selten ist und gerade deshalb so wirksam. Daten werden nicht mehrfach erfasst. Sie werden einmal sauber aufgenommen und laufen dann durch den gesamten Prozess. Vom ersten Kundenkontakt bis zur Abschlagsrechnung.
Der Auslöser ist ein klassisches Wachstumsproblem. Aus der One-Man-Show werden binnen kurzer Zeit Dutzende Mitarbeitende, später über 100. Was vorher per Bauchgefühl ging, wird plötzlich riskant. Entscheidungen müssen übergeben werden. Regeln müssen erklärt werden. Verantwortung muss verteilt werden. Und nebenbei kommt die ernüchternde Erkenntnis, dass man zu viel Geld dafür ausgibt, Informationen von Schmierzetteln in Software zu übertragen. Ein absurdes Geschäftsmodell. Bezahlt von Unternehmen, die eigentlich Wertschöpfung betreiben.
Der Einstieg in die Digitalisierung wirkt banal und ist doch der härteste Brocken. Zeiterfassung. Wer glaubt, das sei Start und Ende, hat noch nie mit Urlaub, Krankheit, Arbeitszeitmodellen, Freigaben, Pausenregeln und Ruhezeiten gelebt. Hier zeigt sich, was Digitalisierung im besten Fall ist. Bürokratie wird nicht ignoriert. Sie wird in Regeln übersetzt, sodass Mitarbeitende gar nicht erst falsch handeln können. Und sodass Geschäftsführung im Zweifel rechtssicher bleibt, wenn Prüfungen anstehen.
In der Folge taucht ein Begriff auf, der vielen Betrieben erst begegnet, wenn es teuer wird. Phantomlohn. Im Kern geht es um Zuschläge und Durchschnittswerte, die bei Krankheit relevant werden können. Es ist ein Beispiel dafür, wie schnell Realität und Beratung auseinanderlaufen, wenn Prozesse nicht sauber dokumentiert sind. Und es ist ein Beispiel dafür, warum man Systeme bauen sollte, die Fehler nicht nur anzeigen, sondern verhindern.
Als die ersten Prozesse sauber laufen, geht es weiter. Angebote, Aufmaß, Fotos, Wetterdaten, Dokumentation, Bauteilbuch, Abschlagsrechnungen. Das Spannende ist nicht die Funktionsliste. Das Spannende ist die Übersetzung. Eine komplexe Wirklichkeit bekommt eine Oberfläche, die simpel bleibt. Zwei Knöpfe für den Menschen. Der Rest für das System.
Und dann kommt der Moment, an dem Digitalisierung plötzlich ein anderes Licht auf den Alltag wirft. Werkzeuge bekommen QR-Codes. Nicht aus Spieltrieb, sondern weil Verlust Geld und Nerven kostet. Und weil niemand Lust hat, auf der nächsten Baustelle zu merken, dass das entscheidende Teil fehlt. Selbst der Eiskratzer im Poolfahrzeug wird zum Datenpunkt. Nicht weil man ihn liebt, sondern weil man pünktlich sein will.
Mit Daten entstehen Nebenwirkungen, die man vorher nicht sieht. Ein Akkuschrauber geht immer nach drei Monaten kaputt. Früher wäre das Pech gewesen. Jetzt wird es ein Muster. Seriennummern zeigen Unterschiede in Chargen. Und plötzlich kann ein Handwerksbetrieb Qualitätsfragen stellen, statt nur Ersatz zu kaufen.
Die Folge ist auch ein freundlicher Tritt gegen den aktuellen Reflex im Markt. Viele Betriebe überspringen Digitalisierung und hoffen auf KI als Abkürzung. Die Antwort aus Leipzig ist klar. KI ist hilfreich. Aber nicht der Startpunkt. Der Startpunkt ist ein weißes Blatt Papier, eine Liste der Tätigkeiten und der Mut, das Nervige konsequent vom Tisch zu räumen.
Das klingt unspektakulär. Es ist aber die einzige Abkürzung, die wirklich funktioniert.
Wer mitmachen will, braucht keine neue Toollandschaft. Er braucht einen ersten Schritt, der sofort greifbar ist. Zwei Wochen lang Tätigkeiten notieren. Eine Strichliste führen. Die häufigsten Störungen identifizieren. Und dann anfangen, diese Störungen zu standardisieren und zu automatisieren. Erst danach lohnt es sich, über KI nachzudenken.
Hört rein. Und nehmt euch ein weißes Blatt Papier.