Zwischen Werkstatt und Algorithmus

Zwischen Werkstatt und Algorithmus

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Google gibt seinem Agenten ein eigenes Postfach

Google Cloud hat auf seinem Event "Gemini at Work 2026" den "Gemini agent" vorgestellt. Die Idee kennt ihr inzwischen: Ihr gebt dem Agenten ein Ziel statt einzelner Anweisungen, er plant die Schritte selbst und liefert ein fertiges Ergebnis. Aufgaben können dabei über Stunden oder Tage laufen. Der Agent arbeitet direkt in Gmail, Drive, Docs, Sheets und Kalender, ist aber auch über Microsoft 365, Slack und die gängigen Geräte erreichbar.

Ein Detail, das mich überrascht hat: Unter der Haube nutzt der Agent nicht nur Googles eigene Gemini-Modelle, sondern auch Claude von Anthropic. Eine Funktion namens Smart Routing entscheidet bei jeder Aufgabe, welches Modell das beste Verhältnis aus Qualität und Kosten hat. Admins können Ausgabengrenzen setzen. Noch läuft das Ganze als private Vorschau für Unternehmenskunden, später soll es in ausgewählte Business- und Enterprise-Tarife von Workspace kommen.

Zur Einordnung: Microsoft hat am 25. September einen überarbeiteten Copilot gezeigt, OpenAI vier Tage später die Dots, und Anthropic hat am 6. Oktober Claude direkt an Google Docs, Sheets und Slides angebunden. Das Rennen um euren Schreibtisch ist eröffnet.

Die Mittelstandslücke in Zahlen: der KI-Atlas Deutschland

Dr. Andreas Kuebart vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner hat im September den "KI-Atlas Deutschland" veröffentlicht. Auf 40 Seiten kartiert er, wo in Deutschland KI geforscht, gegründet, finanziert und genutzt wird.

Die Zahl, die für uns am wichtigsten ist: 23 Prozent der Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten nutzen 2025 mindestens eine KI-Technologie. In Dänemark sind es über 40 Prozent. Nach Größe aufgeteilt sieht das so aus: kleine Firmen (10 bis 49 Beschäftigte) 23 Prozent, mittlere 36 Prozent, große 57 Prozent. Der Abstand zwischen klein und groß ist riesig. Und die ganz kleinen Betriebe unter zehn Leuten, also ein großer Teil des Handwerks, tauchen in dieser Statistik gar nicht erst auf.

Fairerweise muss man sagen: Die kleinen deutschen Firmen liegen damit sogar über dem EU-Schnitt von 17 Prozent. Trotzdem nennt der Bericht die "Mittelstands-Lücke" ausdrücklich als eines von fünf zentralen Handlungsfeldern. Bei Fachkräftemangel und angespannter Wirtschaftslage sei der Mittelstand gerade besonders verwundbar.

Zwei weitere Punkte habe ich mir angestrichen. Erstens die Geografie: Berlin und München bündeln mehr als die Hälfte aller KI-Startups und den Großteil des Wagniskapitals. Zweitens ein Exkurs zum sogenannten "Never-skilling". Gemeint ist, dass Berufseinsteiger bestimmte Fähigkeiten gar nicht mehr lernen, weil die KI den Weg von Anfang an abkürzt. Für alle, die ausbilden, ist das ein Gedanke, den man im Hinterkopf behalten sollte. 👉 https://leibniz-irs.de/fileadmin/user_upload/IRS_Dialog_Transferpublikationen/2026/IRS_Dialog_1_2026_KI-Atlas_Deutschland.pdf

Token-Kosten steigen, die Unternehmen machen trotzdem weiter

Prof. Dr. Ayelt Komus hat mit der Metrics Group D-A-CH eine Kurzumfrage zu "AI und Value" gemacht. Befragt wurden 63 CIOs und IT-Entscheider aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, zwischen Ende August und Ende September.

Die steigenden Preise für KI-Nutzung bremsen kaum jemanden aus. 60 Prozent machen weiter, wählen ihre Anwendungsfälle aber genauer aus. Knapp ein Viertel sagt, die Kosten hätten gar keinen Einfluss. Ihre KI-Projekte vorerst gestoppt haben nur 1,5 Prozent.

Was mich mehr beschäftigt: Gut die Hälfte misst gar nicht, wie viel KI sie eigentlich verbraucht. Und 55,6 Prozent haben niemanden, der den Nutzen erfasst. Die Kosten pro Nutzer und Monat reichen in der Umfrage von 20 Euro bis 2.000 Euro. Als größte Bremsen nennen die Befragten Datenschutz und Compliance (57,1 Prozent), fehlendes KI-Wissen im Management (54,0 Prozent) und eine schlechte Datenbasis (52,4 Prozent). Fast die Hälfte kämpft außerdem mit Schatten-KI, also Mitarbeitenden, die Tools an IT und Einkauf vorbei nutzen.

Mein Fazit für euren Betrieb: Fangt klein an, aber schreibt auf, was ein Tool kostet und was es euch bringt. Eine einfache Liste reicht. Das ist mehr, als die Hälfte der befragten Konzerne gerade macht. 👉 https://www.komus.de

KI trifft auf Organisation: Was zwölf Unternehmen gelernt haben

Die Beratung osb international Consulting AG hat Führungskräfte aus zwölf Unternehmen in Deutschland und Österreich interviewt, vom KMU bis zum Konzern. Luftfahrt, Banken, Handel, Logistik, Gesundheitswesen und einige mehr. Die Studie "KI trifft auf Organisation" stammt von Janina Reitschmied, Mauritius Lohmer und Dr. Nicole Riemer. Ausgewertet haben sie über 145.000 Wörter Interviewmaterial.

Ihr Ergebnis passt zu den Zahlen von Prof. Dr. Ayelt Komus. Ohne ein klares "Warum" und ohne sichtbaren Rückhalt der Führung bleibt KI Stückwerk. Erfolgreich sind die Unternehmen, die KI mit einem konkreten, drängenden Problem verbinden. Und wo Mitarbeitende früh einbezogen werden, wird aus Skepsis oft vorsichtige Neugier. Wo Veränderungen über die Köpfe hinweg durchgedrückt werden, passiert das Gegenteil.

Ein Satz aus der Studie, den ich mir merke: "KI kann informieren, aber nicht verbinden." Diese Aufgabe bleibt beim Chef oder bei der Chefin. Gerade im Handwerk, wo das Team oft eher eine Familie ist als eine Abteilung, sollte man das ernst nehmen. 👉 https://www.osb-i.com/fileadmin/user_upload/osbi_Studie_KI_trifft_auf_Organisation_2025.pdf

Kostenlos für SHK-Betriebe: Kompetenzen sichtbar machen, mit KI

Wer kann im Betrieb was? Wer kann wen anlernen? Und wie bleibt das Erfahrungswissen im Haus, wenn der Altgeselle in Rente geht? Genau darum geht es in der Veranstaltungsreihe "Kompetenzen sichtbar machen: Personalentwicklung im SHK-Betrieb gestalten" vom Projekt ZukunftsHandwerk der ZWH – Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk.

Im Mittelpunkt steht eine neue SHK-Kompetenzmatrix. In einer dreiteiligen Online-Lernreise lernt ihr, wie KI bei Personalentwicklung und Wissenssicherung helfen kann. Ganz praktisch: Erfahrungswissen per Diktat mit Werkzeugen wie PLAUD oder Wispr Flow erfassen, mit KI ordnen und am Ende über das Prinzip RAG wieder abrufbar machen. Also eine KI, die zuerst in euren eigenen Unterlagen sucht und dann antwortet. Termine sind der 9., 16. und 30. November 2026, jeweils von 10 bis 12 Uhr online.

Dazu kommen zwei Praxis-Workshops mit dem Dozenten Peter Berg: am 25. November in der SHK-Innung Köln und am 26. November bei der ZWH in Düsseldorf, jeweils von 10 bis 16 Uhr. Dort testet ihr die Matrix und bringt eure Erfahrungen in die Weiterentwicklung ein. Die Teilnahme ist komplett kostenlos, gefördert als InnoVET PLUS-Projekt vom Bund.

Das ist für mich genau die Art von KI-Einstieg, die im Handwerk funktioniert: an einem echten Problem, mit Leuten aus anderen Betrieben, ohne Verkaufsgespräch. 👉 https://www.zukunftshandwerk.de

Wenn man sich das Werkzeug einfach selbst baut

Zum Schluss noch etwas fürs Auge. Hector Rodriguez von Dayda Studio hat auf LinkedIn ein Video geteilt, in dem sein Kollege Rupert die Form einer Flasche gestaltet. Mit einem Werkzeug, das sich das Studio selbst gebaut hat: in mehreren 2D-Ansichten ziehen und drücken, und das 3D-Modell daneben verändert sich in Echtzeit. Hector schreibt dazu sinngemäß: Werkzeuge waren immer nur Mittel zum Zweck, ob Stift und Papier, Photoshop oder CAD. Und für den Rest seiner Laufbahn würden sich diese Werkzeuge noch ziemlich verändern. Ob es besser wird, wisse man erst, wenn man es ausprobiert.

Ich finde das bemerkenswert, weil es zeigt, wohin die Reise geht. Wer heute eine Idee für ein Spezialwerkzeug hat, muss nicht mehr auf den Softwarehersteller warten. Für Formenbau, Metallbau oder Tischlerei ist das ein Gedanke, den man mal durchspielen sollte. 👉 https://lnkd.in/p/e8YwPf99

📙 Buchtipp der Woche

Jamie Bartlett: "Wie man mit KI spricht (und wie besser nicht)", erschienen bei Piper.

Gestoßen bin ich darauf über Marcus Klug, Lernstratege, der das Buch auf LinkedIn empfohlen hat. Sein Satz dazu: "Bücher zum Thema KI gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Aber nur wenige enthalten so ungewöhnliche und kluge Gedanken wie das neue Buch von Jamie Bartlett." Wenn jemand, der sich beruflich damit beschäftigt, wie Menschen schwierige Fähigkeiten lernen, so etwas schreibt, werde ich hellhörig.

Und es passt zu dieser Woche. Wenn Agenten bald eigene Postfächer haben, wird die Frage, wie wir mit ihnen reden und was wir ihnen besser nicht überlassen, ziemlich praktisch. 👉 https://www.piper.de/buecher/wie-man-mit-ki-spricht-isbn-978-3-492-32295-9

🎧 Spannende Podcastfolge

Diesmal saß ich wieder auf der anderen Seite des Mikrofons. Bei Achim Maisenbacher im Bauimpulse-Podcast (Folge 194) ging es um digitale Führung im Handwerk. Und um einen Satz, den ihr euch abgewöhnen solltet: "KI spart euch Zeit."

Im Büro kommt dieser Satz nämlich anders an, als er gemeint ist. Wer gerne und verlässlich seine Arbeit macht, hört darin keine Entlastung, sondern eine Frage: Brauchst du mich bald noch? Achim bringt es in der Folge noch direkter auf den Punkt: "Du sparst dir mit KI keine Zeit." Wer den ganzen Tag mit KI arbeitet, ist abends oft erschöpfter als vorher. Bessere Argumente sind weniger Fehler, weniger Rückfragen und weniger Stress am Monatsende.

Wir sprechen außerdem darüber, warum Geschäftsführung, Büro und Baustelle jeweils etwas anderes brauchen. Auf der Baustelle soll die KI am besten gar nicht auffallen: einsprechen statt eintippen. Ich erkläre in drei Sätzen, was MCP ist und warum ihr euch nicht auf ein einziges KI-Modell festlegen solltet. 👉 https://bauimpulse.digital/praxis_wissen/digitale-fuehrung-im-handwerk-warum-ki-keine-zeit-spart/

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